Erlebnisse, Spuren & Denkanstöße

An dieser Stelle finden Sie Veröffentlichungen von Menschen, die ein letzter Brief nutzen, einen Menschen verloren haben oder einfach nur was zu erzählen haben.

Viele Menschen treten in unser Leben, manche begleiten uns eine Weile, einige bleiben für immer, denn sie hinterlassen Spuren in unserem Herzen.

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Volker & Pia

... das Jahr 1999: Ostern sollte sich meine kleine Weltanschauung komplett verändern, denn ich lernte die Liebe meines Lebens kennen.

Volker , ein wundervoller junger Mann, höflich, gut erzogen, lustig, liebe- und verständnisvoll, und zu allem Überfluss auch noch wunderschön. Er war zwar 12 cm kleiner als ich, aber das fiel uns gar nicht auf.

Ich erlebte die zwei wundervollsten Jahre meines Lebens mit ihm. Er war ein Mensch den man lieben musste, auch meine Familie war ganz und gar verrückt nach ihm. Für meine Nichten und Neffen war Volker der aller Beste.
Er hatte eine liebevolle Familie die mich mit offenen Armen aufnahm und mich bis zum heutigen Tage nicht im losgelassen hat.
Volker und ich verbrachten jede Minute außerhalb unsere Arbeit miteinander, und wir erlebten unser Leben. Wir verschoben nichts auf später und genossen unsere unendliche Liebe füreinander. Wir malten uns unsere gemeinsame Zukunft aus, sprachen schon nach wenigen Wochen wo wir uns kannten vom heiraten und Kinder bekommen.

Aber unsere Zukunft wurde zerstört:

Am 11.Oktober 2001 begann das schmerzhafteste und dunkelste Kapitel meines Lebens. An diesem Tag starb Volker. Er war mit Herz und Seele Straßenwärter auf der Autobahn in Wünnenberg-Haaren gewesen, und wurde an diesem Morgen um 7.23 Uhr beim Aufstellen einer Baustelle von einem viel zu schnellen Transporter angefahren, welcher durch die bereits abgesperrte Autobahnabfahrt fahren wollte.

Volker hatte sich wie jeden Morgen am Bett von mir verabschiedet, da ich ja immer erst später los musste als er.

Ich liebe dich am meisten und bis gleich am schnellsten

waren seine Worte als er mir unseren Abschiedskuss gab. Ich schlief wieder ein und wurde an diesem morgen ohne Wecker wach. Verwirrt und völlig von der Rolle machte ich mich auf den Weg zur Arbeit, unwissend was zu dem Zeitpunkt bereits passiert war. Im Büro angekommen, bat ich meine Arbeitskollegen mich erstmal etwas wach werden zu lassen, irgendwie wusste ich das etwas nicht stimmte, aber ich dachte eher daran dass eine Krankheit im Anzug war.

Gegen 10.30 Uhr an diesem Morgen klingelte mein Telefon, und die Dame vom Empfang bat mich zu sich, da dort zwei Herrn auf mich warteten, es waren Volkers Vorgesetzte. Meine erster Gedanke war, oh die waren bestimmt in der Gegend und wollen mich mal Fragen ob sie hier günstigen Fußboden einkaufen können. Was für ein seltsamer Gedanke Als sie mich baten mich erstmal hinzusetzen, schossen mir auch schon die Tränen in die Augen. Und ich wusste, dass hier was nicht stimmte. Sie erzählten mir von Volkers Unfall der sich um 7.23 Uhr ereignet hatte. Genau zu dem Zeitpunkt an dem ich an dem Morgen völlig verwirrt aufgewacht war. 7.23 Uhr. Diese Uhrzeit werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen.

Ein Rettungshubschrauber hatte Volker direkt in die Uni-Klinik Münster geflogen, wo Ärzte um sein Leben kämpften. Zusammen mit Volkers Vorgesetzten fuhr ich dann zu Volkers Schwester, von da aus verständigten wir alle Familienangehörigen.
Mit Fitti, Volkers Papa, fuhr ich dann mit dem Auto zur Klinik nach Münster. Dort angekommen konnten uns die Ärzte nur sagen, dass sie ihn zur Zeit noch operieren und wir uns gegen 16.00-17.00 Uhr noch mal melden sollten. In dieser Wartezeit erlebte ich alles wie im Trance, und ich wusste nicht ob ich mir sicher war das Volker es schaffte.

Vor den eiskalten und riesigen Edelstahltüren des OP’s erfuhren Fitti und ich dann, das Volker innerhalb der nächsten zwei Stunden sterben würde. Er lag im Koma und wurde nur noch von Maschinen am Leben gehalten. Wie ein Dolch traf diese Nachricht mein Herz...

Wir informierten unsere Familien und Freunde, und durften zu Volker ans Bett. Dort lag er, trotz all seiner Verletzungen immer noch wunderschön, und so friedlich. Ich weinte und es zerriss mir das Herz. Ich redete mit ihm und erzählte ihm von all den wundervollen Momenten die wir gemeinsam erlebt hatten, und von unseren Zukunftsplänen. Aber je mehr von diesen viel zu kurzen Minuten vergingen, desto weiter rückten die Zukunftspläne in unerreichbare Ferne.

Kurze Zeit später hörte Volkers Herz auf zu schlagen, und er starb in meinen Armen die ich vorsichtig um ihn gelegt hatte. Seine Augen waren geschlossen als ich ihn ein letztes Mal küsste...

Weil es das Einzige war, was ich noch für ihn tun konnte, organisierte ich mit seiner wundervollen Familie die Beerdigung, wir suchten Blumen aus, bemalten den Sarg, gestalteten die Anzeigen und organisierten eine Beerdigungsmesse nach Volkers Geschmack. In der Zeit erlebte ich, wie auch meinen geliebten Eltern das Herz gebrochen wurde, als hätten Sie ihren eigenen Sohn verloren, so wie in der Zeit habe ich meine Mama und vor allem meinen Vater noch nie weinen gesehen.

Als hätten wir es damals geahnt, hatten Volker und ich wenige Wochen vor seinem Tod darüber gesprochen, wie wir uns unser eigenen Beerdigungen vorstellen konnten. Und wenn es so etwas gibt, dann kann ich wirklich sagen, dass es eine wunderschöne Beerdigung war. Viele Wochen konnte ich nicht arbeiten gehen, so schwer war die Zeit für mich und uns.

Lange Zeit später fiel mir an einem kalten Wintertag etwas vielleicht wunderschönes auf: Volker und mein Spruch für die Intensität unserer Liebe war immer folgender gewesen:

Ich liebe dich am meisten – 72 Jahre – 2 Minuten – und 23 Kilokalorien!

dieser Spruch fiel mir damals plötzlich wieder ein, und irgendwie verwirrte es mich, das auch Volkers Unfall um 7.23 Uhr passierte, und ich zu dem Zeitpunkt auch zu Hause im Bett wach wurde.

Vielleicht war diese Uhrzeit ja eine kleine Botschaft ... 7-2-3....

 

Es ist schwer sich mit dem Tod zu befassen, vor allem wenn man sich doch so jung und sicher fühlt und denkt: "Ach sterben müssen doch nur Oma und Opa."

Wenn man einmal einen geliebten Menschen verloren hat, weiß man dass der Tod meist sehr plötzlich und unerwartet kommt.
Dann steht man da, hat alles verloren. Nichts macht mehr Sinn. Man konnte sich nicht verabschieden, man konnte nichts klären.

Oft habe ich daher schon über meinen eigenen Tod nachgedacht. Was passiert mit meinen Freunden im Ausland, wie sollen sie davon erfahren dass es mich nicht mehr gibt. Meiner Familie und meinen Freunden wird es das Herz zerreißen. Was passiert nach meinem Tod, hier in meiner kleinen Welt? Erst vor kurzem stand ich selbst vor einer OP. Ich hatte Angst nicht wieder aufzuwachen. Auch da macht man sich viele Gedanken zum "Was wäre wenn ...?".

Ich denke ein-letzter-Brief ist eine gute Möglichkeit sich selbst mehr Sicherheit zu geben und den Hinterbliebenen in Ihrer Trauer zu helfen und Sie mit der eigenen Kraft zu unterstützen. Man darf nie vergessen: "Jeden kann es treffen!"

Pia

 

Zur Ausstellung: Jeden kann es treffen

Den vollständigen Text von Pia können Sie auf der Ausstellung Jeden kann es treffen" in Berlin lesen, ein besuch lohnt sich.

Fotos von Betroffenen und ihre persönlichen Berichte zeigen die Dimension und Tragweite von Verkehrsunfällen. So wird deutlich, wie schnell ein Unfall passiert, und welche tiefgreifenden Konsequenzen er für jeden einzelnen und seine Angehörigen bedeutet. Dem Betrachter soll bewusst werden, dass es jeden treffen kann und dass jeder eine Verantwortung sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber hat.
Die Folgen eines Verkehrsunfalls gehen weit über nüchterne Fakten hinaus.

In Sekunden passieren Dinge, deren schreckliche Konsequenzen man nie wieder rückgängig machen kann, auch wenn man es noch so sehr möchte. Gibt Termindruck das Recht zu rasen, ist es nötig, sich über Angeberverhalten im Straßenverkehr zu beweisen, hat man wirklich immer alles im Griff …?